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12. Oktober 2011

Steinkohleabbau in Kolumbien

Kolumbien ist in den vergangenen Jahren zu einer der größten Steinkohleabbau-Nationen der Welt geworden. Über 90 Prozent davon werden exportiert – vorwiegend nach Europa, USA und Ostasien. Das Unternehmen Cerrejón betreibt im Land das größte Steinkohlebergwerk der Welt im Tagebau. Oliver Krischer war jetzt selbst in Kolumbien um sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen.

Steinkohleabbau in Kolumbien

Steinkohleabbau in Kolumbien

Steinkohleabbau in Kolumbien

Für die deutschen Steinkohlekraftwerksbetreiber hat das Land in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Seit Juni 2011 ist Kolumbien sogar der größte Steinkohlelieferant für Deutschland. So wurden laut Angaben des Statistischen Bundesamtes allein im Juli 2011 insgesamt 1.076.096 Tonnen Steinkohle aus Kolumbien eingeführt. Die Kohle wird nahezu ausschließlich zur Stromerzeugung in Kraftwerken genutzt. Multinationale Unternehmen wie Drummond, Glencore/Prodeco und Cerrejón sind dabei die großen Akteure und machen hohe Gewinne, jedoch oft auch auf Kosten der indigenen und kleinbäuerlichen Bevölkerung. Der Bergbau in Kolumbien generiert zwar große Gewinne, doch davon landet kaum etwas bei den Menschen, die dem Bergbau weichen müssen oder von dessen negativen Auswirkungen wie Lärm, Staub oder Umweltverschmutzungen direkt betroffen sind.

Aktuelle Situation

Steinkohle für den internationalen Export wird vor allem in den Provinzen La Guajira und Cesar im Norden des Landes abgebaut. Für den deutschen Markt von Relevanz sind die Unternehmen Cerrejón (jeweils 33,3 Prozent gehören den Unternehmen BHP Billiton, Anglo American und Xstrata), Prodeco (Tochterunternehmen von Glencore) sowie das Unternehmen Drummond (Familienunternehmen aus den USA). Der Abbau erfolgt im Tagebau. Die Kohleflöze finden sich in der Regel bereits in 25 Metern Tiefe und besitzen große Mächtigkeiten.

Die Qualität der Kohle ist sehr hoch, die Produktionskosten in Kolumbien liegen aber aufgrund der günstigen geologischen Bedingungen laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) bei nur 15-30 Euro. Diese Angaben wurden auch von den Unternehmen vor Ort nicht dementiert. Der aktuelle Weltmarktpreis für Steinkohle liegt weit darüber bei momentan 85 Euro. Das heißt: Der Abbau von Steinkohle in Kolumbien ist für die Unternehmen daher sehr lukrativ. Die multinationalen Konzerne müssen für ihre Steinkohlekonzessionen – im internationalen Vergleich – nur sehr geringe Abgaben/Steuern bezahlen Für Unternehmen, die weniger als 3 Mio. Tonnen pro Jahr aufsuchen, werden 5 Prozent an Abgaben erhoben. Für Unternehmen, die mehr als 3 Mio. Tonnen pro Jahr fördern, werden 10 Prozent an Abgaben erhoben. Fakt ist aber auch, dass diese Abgaben nur die Theorie wiedergeben. Denn in vielen Minen gibt es Einzelregelungen, die weit darunter liegen. Auch Korruption spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle. Zudem gibt es keine staatliche Kontrolle darüber, wie viel tatsächlich gefördert wird, denn die Unternehmen melden die Abbauzahlen selbst. In den vergangenen zwei Jahren zahlte etwa das Unternehmen Cerrejón fast 500 Mio. US-Dollar an Bergbauabgaben (royalties), die anderen großen Konzerne wie Glencore/Prodeco und Drummond wahrscheinlich in ähnlicher Größenordnung.


In der betroffenen Abbauregion kommen diese erheblichen und steigenden Einnahmen aber offensichtlich überhaupt nicht an. Die Region gehört zu den ärmsten Kolumbiens. Vom geförderten Reichtum profitireren die Betroffenen überhaupt nicht – im Gegenteil – sie tragen ausschließlich die Lasten in Form von Umsiedlung und Vertreibung, Zerstörung ihrer wirtschaftlichen Existenz und kulturellen Bindung, Zerstörung der Natur (Wälder, Weiden, Flüsse etc.) und einer erheblichen Umweltbelastung durch Staubemissionen durch den Abbau und Transport der Kohle. Auf politischer Ebene verfolgt die kolumbianische Regierung das Ziel zu einem großen und zuverlässigen globalen Akteur bei der Steinkohleförderung zu werden. Auch innerhalb der Regierung gibt es zwar immer wieder Kritik an der rigorosen Bergbauvorrangpolitik, mit der das Land „entwickelt“ werden soll, dafür aber einen hohen Preis bezahlt. Präsident Santos hat aber bisher keine Schritte unternommen, um diese Situation zu verändern.

Nach Gesprächen mit betroffenen Menschen in den Bergbauregionen, Nicht- Regierungsorganisationen, staatlichen Stellen und den Bergbauunternehmen ist festzustellen, dass die offensichtlichen und tiefgreifenden Probleme nicht in Abrede gestellt, aber die Verantwortung oft von der einen Seite auf die andere Seite verschoben wird. Die Folge ist eine zum Teil absurde Blockade bei der Lösung von Problemen allein auf Kosten der betroffenen Menschen.

Zwei Beispiele

In Gemeinden, die den Tagebauen weichen müssen ist oft nicht geklärt wer die Umsiedlung organisiert und wie der Prozess ablaufen soll. Zum Teil funktioniert nicht einmal die Erfassung der in einer Gemeinde lebenden Menschen und ihrer wirtschaftlichen Situation. So herrscht dort zum Teil eine jahrelange Verunsicherung über die Zukunft während die Tagebaue oft von mehreren Seiten an die Ortschaft rücken, während gleichzeitig gemeinschaftlich genutzte Weiden und Äcker im Eigentum des Staates und damit die Existenzgrundlage vieler Menschen bereits zerstört werden. Wegen der absehbaren Umsiedlung wird nicht mehr in die kommunale Infrastruktur investiert, mit kastrophalen Folgen für die Lebensbedingungen. So ist in einer Ortschaft die Müllabfuhr eingestellt worden mit der Folge, dass sich der Müll am Dorfrand meterhoch stappelt. Die Auswirkungen im tropischen Klima sind vorstellbar.


Die Bahnstrecken von den Kohleminen zu den Häfen an der Atlantikküste zur Verschiffung nach Europa und Nordamerika führen direkt durch Ortschaften, Bahnschranken oder Begrenzungszäune an den Gleisen sind jedoch nicht vorhanden. Hier möchte etwa Prodeco/Glencore die Sicherheit an den Gleisen von den Kohleminen zu den Verladehäfen verbessern, aber bekommt seit Jahren keine staatliche Genehmigung. Im Gegenzug erklären die Behörden (defensoría del pueblo), dass die Unternehmen keine konkreten Vorschläge unterbreiten, wie sie die Sicherheit an den Bahngleisen verbessern wollen. Trotz des für die Unternehmen sehr lukrativen Steinkohleabbaus hat sich die soziale und ökologische Situation der Menschen vor Ort nicht verbessert. In den Kohleabbaugebieten gibt es weiterhin nur unzureichende Infrastrukturangebote wie Schulen, Gesundheitseinrichtungen oder Straßen, obwohl durch die Unternehmensabgaben hohe Summen in die Region fließen. Wo das Geld bleibt, ist unklar.

Kolumbien zählt zu den Staaten mit einer hohen Korruptionsrate (Platz 78 von Transparency International im Jahr 2010). Vielmehr sind Umweltbelastungen wie verunreinigtes Trinkwasser und Feinstaubbelastungen durch den Abbau und Transport der Kohle stärker geworden. Krankheiten wie Atemwegs- und Lungenerkrankungen treten nach Aussagen der lokalen Bevölkerung deutlich häufiger auf als früher. All diese Auswirkungen betreffen vor allem die Wayuu – die größte indigene Bevölkerungsgruppe im Land. Durch den großflächigen Tagebau haben sich deren Lebensbedingungen stark verändert. Für Gemeinden wie etwa Chancleta, Patilla oder Tamaquito wird es zunehmend schwieriger, die seit vielen Jahrhunderten praktizierte Landwirtschaft weiter zu betreiben. Durch den Landkauf von Seiten der Unternehmen sind sie in ihrer traditionellen Landwirtschaft zunehmend eingeschränkt. Nach Aussagen von Dorfbewohnern wird ihnen die traditionelle Nutzung des Landes aus schon lange vor der konkreten Inanspruchnahme durch die Bergbauunternehmen untersagt. Der Bergbau zerstört Wälder und Weideland unwiederbringlich. Riesige Abraumhalden prägen das Bild der Landschaft. Der Ranchería-Fluss soll in den kommenden Jahren zudem auf 25 km verlegt werden mit unabsehbaren Folgen für das Ökosystem und die Menschen, die von diesem Fluss leben. Diese Auswirkungen führen bei betroffenen Gemeinden zu hoher Unzufriedenheit und in der Vergangenheit zu teilweise gewaltätigen Auseinandersetzungen. Die in diesen Teilen der Wirtschaft üblichen Korruptionszahlungen verstärken die Unzufriedenheit noch einmal. Eine planmäßige und nachhaltige Renaturierung der Landschaft nach Beendigung des Abbaus scheint die Ausnahme zu sein. Renaturierungsprojekte der Firma Cerrejón, die auch nur einen kleineren Teil der ausgekohlten Tagebauflächen umfassten, wurden uns als besonders vorbildhaft gezeigt.

Politische Bewertung

Auch wenn sich die Lage, z. B. im Hinblick auf Gewalt und Verbrechen in den letzten Jahren wohl verbessert hat, ist die soziale und ökologische Situation weiterhin nicht zufriedenstellend Obwohl Kolumbien über enorme Steinkohlevorräte verfügt und zu sich zu einem der größten Produzenten der Welt entwickelt, verfügen die vom Abbau betroffenen Gemeinden selbst oft nicht einmal über eine eigene Stromversorgung. Das Hauptproblem bei der Umsiedlung ist, dass Familien umgesiedelt werden, die vorher kleinbäuerliche Landwirtschaft betrieben haben, nun aber in einer völlig neuen Umgebung in Reihenhäusern wohnen und ihrer gewohnten Arbeit aufgrund der neuen Lebensverhältnisse nicht mehr nachkommen können. Daher ist die Nachhaltigkeit bei der Umsiedlung nicht wirklich gegeben.

Insgesamt muss es stärkere und klarere Regeln zwischen den Unternehmen und dem kolumbianischen Staat geben, damit der Kohleabbau nachhaltig wird. Dazu ist der weitere politische und wirtschaftliche Druck aus Deutschland wichtig. Die Aufgabe der Bundesregierung muss es dabei sein, rechtliche Grundlagen zu schaffen, die zu mehr Transparenz und Offenlegung der Handelswege führt und dass die deutschen Stromkonzerne ihrer Sorgfaltspflicht in Bezug auf Umwelt- und Menschenrechtsstandards innerhalb ihrer Einflusssphäre gerecht werden. Die dafür notwendigen Monitoring-Instrumente müssen eingerichtet und die Ergebnisse der Überprüfungen in regelmäßigen Abständen veröffentlicht werden. Auch eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Rohstoffpartnerschaft mit Kolumbien wäre dabei eine zu prüfende Option. Auf Unternehmensseite ist die im Juni 2011 gegründete ‚Better Coal Initiative' von europäischen Kohlebezugskonzernen wie RWE, Vattenfall und E.ON dabei ein erster richtiger Schritt.